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Peter Weibel:
...Die Angst vor der Leere. Die Angst vor dem Nichts. Das Sein votiert ständig gegen das Nichts und für das Leid. Das ist für mich der Kernsatz, weil der Faschismus genau in der Umdrehung dieser Debatte entwickelt wurde: vivere no, moire si, leben nein, sterben ja.

Carl Hegemann:
„Viva la muerte!“ Faschistische Erlösung ist immer Todessehnsucht. Auch die kommunistische Idee ist letztlich Todessehnsucht. Und Pitigrilli, fern von jedem Ismus, ist natürlich ein Ausbund an Todessehnsucht. Und gleichzeitig mit dieser Todessehnsucht ist er der Allmächtige, der keinerlei öffentlicher Moralgesetzgebung unterworfen ist. Du hast doch letztlich in deinem Pitigrilli-Aufsatz versucht, das ethisch zu recodieren.

Peter Weibel:
Richtig. Gegen den Abgrund stellt Pitigrilli das Sich-Einlassen auf den Abgrund, sei es als erotische Codierung, Eros gegen Thanatos, oder auch in seiner Sehnsucht nach Rauschgift. Denn auch Rauschgiftist die Hoffnung, dass ich den Code verändern kann, dass ich die Wirklichkeit neu sehe. Und sie wird tastsächlich neu gesehen. In den Perioden, in denen die Leute mit Rauschgift experimentiert haben, waren die Verhältnisse der Subjekte zueinander verändert, zum Beispiel in den Siebzigerjahren: Kommunen, gemeinsame Sexualität, gemeinsames Eigentum. Das hat etwa zehn Jahre gedauert und ist bis nach Hollywood gekommen. Die durch Drogen indizierte veränderte Wahrnehmung hat tatsächlich zu neuen Formen des Lebens geführt. Das >waren Versuche einer erweiterten Lebenspraxis als erweitertes Sprachbeispiel. Bei Pitigrilli und diesen Leuten sieht man einen Aufsteand gegen die Diktatur der Moderne, wiel sie sehen, dass die Moderne sic selbst bedroht. Dass sie strukturell ihr Versprechen nicht nur nicht halten will, sondern gar nicht halten kann. Danach beginnt die eigentliche Arbeit, nämlich sich zu fragen, können wir doch noch in der Moderne verbleiben und die Einlösung ihrer Versprechen auf eine neue Weise angehen, oder müssen davon endgültig Abschied nehmen, möglichst aber ohne bei Carl Schmitt zu landen, der die einzige Möglichkeit zur Anerkennung des Anderen in seiner Vernichtung als Feind sieht.

Car Hegemann:
Als ich deinen Aufsatz gelesen habe, habe ich gedacht, du gehst von einem verfehlten Gesellschaftssystem aus und lobst alle Codebrecher, ob das nun Kommunisten oder Rauschgiftsüchtige oder Kommunengründer sind. Hauptsache dagegen. Es hat sich in dem, was du eben gesagt hast, allerdings schon ein viel größeres Problem angekündigt, dass nämlich der Kampf oder der Kampf dagegen deckungsgleich werden. Man kann etwa den Kampf gegen den Terror kaum noch vom Terror selber unterscheiden. Das heißt eigentlich, es geht nur noch um eins: zu vergessen und zu sterben. Aber dann kommt folgendes Paradox: Je mehr Leute sich in die Todessehnsucht hineinsteigern, je endgültiger sie den Abgrund formulieren, desto lebensfroher und lebenssüchtiger werden sie. Heiner Müller ( „Ich rauche zuviel, ich trinke zuviel, ich sterbe zu langsam.“ )wollte privat nicht sterben und auch Pitigrili wollte es nicht. All die Leute, die sich immer damit beschäftigen, sind paradoxerweise gar nicht todessehnsüchtig wie andere, die ihr Leben lang funktioniert haben und erfogreich waren und dann trotzdem häufig eine so viel schlechtere Prognose haben und magenkrank werden oder psychotisch. Kann man das so sehen?

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